Blauer Montag mit Kaffeehaus-G’schichten beim „Sporrer“

Vier Unverdorbene auf Coffein-Trip

Mit lang anhaltendem Schlussapplaus honorierten die Gäste des Blauen Montags beim „Sporrer“ das neue Programm der Musikalischen Lesung „Kaffeehaus-G’schichten“ mit den Vier Unverdorbenen von li.: Karl Stumpfi (Rezitator), Jürgen Zach (Gesang/Bassgitarre), Klaus Götze (E-Gitarre) und Franz Schöberl (Akkordeon). Fotos: Alfred Grassmann

Kaffeehaus-G’schichten, so ist das neue Programm des Kleinkunst-Ensembles „Die Vier Unverdorbenen“ überschrieben. Rezitator Karl Stumpfi und die Musiker Jürgen Zach, Klaus Götze und Franz Schöberl präsentierten es erstmals beim Blauen Montag im Rahmen des 13. Neunburger Kunstherbsts. Dieser lockere Mix aus Unterhaltungsliteratur und Evergreens zeigte einmal mehr enorme Zugkraft. Flugs war der Sporrersaal ausverkauft, ein Wiederholungstermin ist bereits terminiert: Am 26. Januar werden die Kaffeehaus-G’schichten ein weiteres Mal erzählt.

KVU Vorsitzender Peter Wunder freute sich über ein „volles Haus“.

Kaffee ist ein besonderer „Treibstoff“. Schon Schiller wusste dies zu schätzen: „Erwachen sollen deine Glieder mit der Bohnen Kraft Geleit“. Also nahm der Vorleser den Dichter beim Wort. Er könne mit dem Vortrag nicht beginnen, weil momentan das wichtigste Element noch fehle. So schlüpfte Karl Stumpfi in die Rolle des Oberkellners. Er servierte sich eine mit heißem Kaffee gefüllte Kanne selbst, schenkte eine Tasse ein und genoss den ersten Schluck. „Ein treuer Begleiter durch alle Zeitläufe und Lebenslagen“, ließ er die Zuhörerschaft am Glück eines Kaffeetrinkers teilhaben.

Im ersten Teil der Musikalischen Lesung geleitete der Georg-Danzer-Song „Wieder in Wien“ an jenen Ort, an dem Ausgang des 17. Jahrhunderts alles begann. Nach der zweiten erfolglosen Belagerung der Kaiserstadt traten 1683 die Türken einen chaotischen Rückzug an. Dass sie einige Bohnensäcke zurück ließen und es bald danach zur Eröffnung des Wiener Kaffeehauses kam sei „eine in Wien gut funktionierende Legende“. Der Rezitator blätterte bei Kulturhistorikerin Käthe Springer nach. Erstens waren Kaffeebohnen schon vor 1683 in Wien bekannt und zweitens sei kein polnischer Spion, sondern ein armenischer Handelsmann erster Cafetier in Wien gewesen. Ihm gestattete der Kaiser 1685 „die Freyheit, den Caffee einem offenen Gewölb ausschänken zu mögen“. Kostenlose Zeitungslektüre, Schach und Billard rückten den ursprünglichen „Ansatzpunkt des Nichtstuns“ in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Dort habe auch W. A. Mozart, ein Liebhaber des schwarzen Kaffees zur Pfeife, seiner Billard-Leidenschaft gefrönt. Im 19. Jahrhundert verwandelten sich Kaffeehäuser von schummrigen Gewölben, versteckt in engen Gäßchen Alt-Wiens, zu prachtvoll eingerichteten Stätten, die an Adelspaläste erinnerten. Berauscht sein von Kaffee, eine typisch Wienerische Spielart, oder doch lieber vom Bier als die bayerische Alternative? Diese Frage inspirierte La Brass Banda zu ihrem Hit „Kaffee versus Bier“. Mit einer eigenwillen und ohne Blasinstrumenten auskommende Cover-Version überraschte das Musikantentrio Zach, Götze & Schöberl beim „Sporrer“.

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass die geradezu inflationäre Entwicklung der Wiener Kaffeesorten alsbald auch behördliche Regulierungs- und Kontrollwut anstacheln würde. Und die gaben unweigerlich eine Steilvorlage für Satiriker vom Schlage eines Anton Kuh. Er, der notorische Kaffeehaus-Gänger und Kaffeehaus-Sitzer, spitzte seine Feder und ätzte gegen die Legislative: „Ehre dem Geist des Gesetzes. Es macht einen Unterschied zwischen der Summe und der Summierung, zwischen Melange und Milchkaffee“. Alfred Polgar, der Philosoph unter allen Kaffeehausliteraten, entwickelte die „Theorie des Café Central“. Seine Bewohner seien größtenteils Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Musikalisch begleitetete die Unverdorbenen-Combo ihre Gäste anschließend in die Wiener Vorstadt, in „Ein kleines Café in Hernals“. Mit der Schilderung von markanten Wiener Kaffeehaus-Originalen erhielt Friedrich Torberg breiten Raum im zweiten Teil der Musikalischen Lesung. Seine Memoiren-Sammlung „Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ gilt immerhin als die „Bibel der Wiener Kaffeehaus-Literatur“.

Prägen den musikalischen Stil des Kleinkunst-Ensembles mit: E-Gitarrist Klaus Götze und Franz Schöberl am Akkordeon.

Einer der erfolgreichsten Aktionskünstler der Welt, der Wiener Autor, Schauspieler und Chansonnier André Heller, beschreibt sein Stamm-Café Hawelka als einen „Ort der selbstverständlichen Täuschungen“. Das Haus in der Dorotheergasse Nr. 6 beherberge nämlich hauptsächlich Leute, die nicht gehalten haben, was sie sich von sich selbst versprachen. Nur beim gütigen Ober gelte man allerdings als das, was man beinahe geworden wäre: „Denn er kann sich seine Gäste als Bewohner der wirklichen, undunstigen Welt ebenso wenig vorstellen wie jene sich ihn ohne Smoking und speckiges Mascherl“.

Der Wiener Liedermacher Georg Danzer (1946 – 2007) teilte André Hellers Sucht nach „Hawelkanischen Nächten“, den Heißhunger nach flaumigen Buchteln der Kaffeehaus-Chefin Josefine, die seinem Empfinden nach auch zum Bier vortrefflich schmeckten. Er setzte, wie könnte es anders sein, dem Stammlokal ein musikalisches Denkmal: „Jö, schau! So a Sau! A Nackerter im Hawelka!“.

Seine Neunburger Gstanzln reizten wieder das Zwerchfell des Publikums: Dichter, Sänger und Bassist Jürgen Zach.

Wer die vom Publikum mit tosendem Schlussapplaus gefeierte Premiere der „Kaffeehaus-G’schichten“ beim Blauen Montag 24. November 2025 versäumt hat, kann bei einer Neuauflage der Musikalischen Lesung kurz nach dem Jahreswechsel dabei sein. Eine zweite Aufführung wird ebenfalls beim „Sporrer“ über die Bühne gehen. Termin: Montag, 26. Januar 2026, 19 Uhr; Abendkasse ab 18 Uhr. Eintrittskarten im Preis von zehn Euro sind in der örtlichen Vorverkaufsstelle Büro- und Pressezentrum Kramer, Hauptstraße 50, erhältlich.

Der Vorleser als Oberkellner: Karl Stumpfi serviert zum Beginn der Musikalischen Lesung das „Objekt der Begierde“, eine Kanne Kaffee.

DIE PLAY-LIST der Musikalischen Lesung:

Peter Cornelius: Coverversionen von „Caféhaus“ (Text Jürgen Zach) und „Der Kaffee ist fertig“. Georg Danzer: „Wieder in Wien“ und „Jö, schau!“ Rainhard Fendrich: „Haben Sie Wien schon bei Nacht geseh’n?“ (Text Jürgen Zach). La Brass Banda: „Kaffee vs. Bier“. Trio Wien: „Mei Gurgl hat heut Waschtag“. Hermann Leopoldi:Ein kleines Café in Hernals“. Karl Föderl: „Das Lied von der Reblaus“. Jürgen Zach: „Neunburger Gstanzln“. Instrumentalmusik: „Café Mozart Walzer“ und „Wien bleibt Wien“-Marsch„.

MEDIEN-ECHO

Bericht in der Mittelbayerischen Zeitung, Kreisausgabe SAD, vom 9. Januar 2026:

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